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22. März 2009

100 Jahre DATSCH - der verlorene Kampf gegen die Mitbestimmung der Gewerkschaften in der beruflichen Bildung

Im Dezember 2008 jährte sich der 100. Gründungstag des DATSCH - Deutscher Ausschuss für Technisches Schulwesen. Der DATSCH war eine Kreation der großen Metall- und Elektrobetriebe in Deutschland. Es war die erste Organisation, die sich ganz und ausschließlich der beruflichen Bildung widmete. 1911 verabschiedete der DATSCH die Leitsätze zur Erziehung der Facharbeiterschaft für die mechanische Industrie.Die Arbeiten des DATSCH wirkten auch weit ins Nachkriegsdeutschland hinnein. Praktisch erst 1969, mit der Schaffung des Berufsbildungsgesetzes, endete die Ära DATSCH. 1969 wurde auch die Gewerkschaften als feste Akteure in der Berufsbildung installiert. Beim DATSCH waren die Gewerkschaften hingegen ausgegrenzt. Unser Bonner Korrespondent Ulrich Degen interviewte Prof. Dr. Martin Kipp, Universität Hamburg, der als profunder DATSCH-Kenner gilt.

 

Prof. Kipp, am 8. Dezember 2008 fand in Berlin eine Veranstaltung zum hundertjährigen Jubiläum des Deutschen Ausschusses für Technisches Schulwesen - DATSch - statt, zu dem Sie einen vielbeachteten Festvortrag hielten. Wie aus der Geschichte, so lernen junge und alte Gewerkschaftsmitglieder der IG Metall auch aus der Arbeit dieses Ausschusses für die berufliche Bildung. Wenn sie für diese in drei Punkten die Bedeutung des DATSch charakterisieren und seine Wirkung auf die heutige berufliche Bildung beschreiben sollten, was würden Sie dann besonders hervorheben?

 

Der „Deutsche Ausschuss für Technisches Schulwesen" (DATSCH) wurde im Dezember 1908 von „Verein Deutscher Ingenieure" (VDI) und vom „Verband Deutscher Maschinebauanstalten" (VDMA) in Berlin gegründet, um als freie Körperschaft die Wünsche der Betriebe hinsichtlich der Ausgestaltung des gesamten technischen Ausbildungs- und Unterrichtswesens im Zusammenwirken mit den Industrieverbänden, den (beruflichen) Schulen und den zuständigen Behörden zu erörtern und zu fördern. Der DATSCH bot sich als Forum des Erfahrungsaustauschs an, entwickelte sich rasch zur zentralen ausbildungspolitischen und ausbildungspraktischen Interessenvertretung der ganzen deutschen Industrie. Die erfolgreiche Berufsordnungsarbeit des DATSCH, seine massenhaft vertriebenen Lehrmittel und Lehrgänge, kurzum seine rührige und tonangebende Rolle bei der praktischen Regelung der „Facharbeiterfrage" sowie seine bildungspolitisch eindeutig Position, die eine planmäßige, auf nationaler Ebene einheitliche Facharbeiterausbildung propagierte, wurde ab 1939 im „Reichsinstitut für Berufsausbildung in Handel und Gewerbe" fortgeführt.

 

Die Wirksamkeit des DATSCH reicht in institutioneller Hinsicht (Förderung von Lehrwerkstätten und Betriebsberufsschulen), in methodischer Hinsicht (Entwicklung psychotechnischer Auswahlverfahren, standardisierter Lehrgänge und Lehrmittel) und in berufssystematischer Hinsicht (Entwicklung der betrieblichen „Ordnungsmittel" Berufsbild, Ausbildungsplan und Prüfungsanforderungen) weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus: Sowohl das „Zentralinstitut für Berufsbildung der Deutschen Demokratischen Republik" als auch das „Bundesinstitut für Berufsbildung" knüpften in ihrer Berufsforschungs- und Berufsordnungsarbeit und bei der Entwicklung von Lehrgängen und didaktischen Materialien an die Arbeiten des DATSCH an.

 

Unter diesen drei Gesichtspunkten kann die Bedeutung der Arbeiten des DATSCH für die deutsche Facharbeiterausbildung kaum überschätzt werden.

 

Sie haben zum DATSCH eigene sozialhistorische Forschungen betrieben und sich in die Zeit seiner Entstehung versetzt. Wie muss man sich in aller Kürze die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Entstehungszeit des DATSCH vorstellen in einer für uns sehr lange zurück liegenden Zeit?

Die Gründung des DATSCH erfolgte in einer Zeit, in der das Handwerk die Lehrlingsausbildung in Deutschland rechtlich dominierte - mit dem DATSCH schuf sich die Industrie ein Instrument zur Klärung, Artikulation und Durchsetzung ihrer Qualifizierungsinteressen. Dank seiner Rührigkeit, seiner zahlreichen Stellungnahmen, Erklärungen und Empfehlungen konnte der DATSCH innerhalb kurzer Zeit Meinungsführerschaft erringen und drängte das bis dahin dominante Handwerk in die Rolle des konservativ und primär berufsständisch Orientierten. Die Aktivitäten des DATSCH fanden bis in die Ministerien hinein Beachtung und Zustimmung und bestärkten in der Einschätzung, dass der berufspädagogische Fortschritt im industrietypischen Ausbildungsmodell zu suchen war.

 

Vor allem waren es Industrielle und Ingenieure des technischen Maschinen- und Anlagenbaus, des Schiffsbaus, die Hersteller komplexer technischer Apparate wie Eisenbahnen und Dampfmaschinen, der Stahlerzeugung und -verarbeitung, die erkannten, dass deren Produktion einen völlig neuen Arbeitertypus erforderlich machte. Dieser neue Facharbeiter sollte über völlig neue Qualifikationen verfügen, die er, vom Handwerk herkommend, nicht mehr in langwierigen Anlernprozessen erwerben sollte. Dieser neue Facharbeiter sollte die Funktionsweise und Fertigungsabläufe der Maschinen verstehen; er sollte anhand von Zeichnungen komplizierte Reparaturen vornehmen und die dazu erforderlichen Teile fertigen können; er sollte Materialkenntnisse haben und so fort.

 

Zugleich sollte er an den Rhythmus der Industrie angepasst und dabei hoch diszipliniert sein und sich mit der „Werksgemeinschaft" identifizieren. Die alles setzte eine neue Form der Berufsausbildung voraus, die das Handwerk als bisherige Ausbildungswerkstatt der Nation nicht zu leisten imstande war. Den Industriellen ging es auch darum, sich von den aus dem Handwerk kommenden „Künstlermechanikern" unabhängig zu machen und, dem bösen Wort von Carl Siemens zufolge, „Hausknechte" an ihre Stelle zu setzen. Die Ausbildungspolitik der Industrie sollte, um es auf eine griffige Formel zu bringen, „vom ´tüchtigen Gesellen´  zum Facharbeiter" führen.

 

Erste Ansätze systematischer Berufsausbildung waren bereits in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in den Werkstätten der Reichseisenbahn konzipiert worden. Weitere Großbetriebe folgten diesem Beispiel, ohne dass es zu gemeinsamen Richtlinien gekommen wäre. Im Grunde entwickelte jeder Betrieb sein eigenes Ausbildungskonzept. Und die rechtlichen Rahmenbedingungen für diese neue Entwicklung waren ebenfalls alles andere als günstig: Die 1869 auf den Norddeutschen Bund übertragene preußische Gewerbeordnung hatte aus staatspolitischen Gründen dem Handwerk das Ausbildungs- und Prüfungsmonopol gesichert. Wer als Industrielehrling eine Lehrabschlussprüfung machen wollte, musste dies zu den Bedingungen des Handwerks tun. Und dessen Organisationen verweigerten der Industrie die gleichberechtigte Mitgestaltung und dem Lehrling die industriegemäße Inhaltlichkeit der Prüfung.

 

Den Anstoß zur Gründung des DATSCH hat deshalb gegeben, dass die Industrie durch das Fehlen theoretisch wie fachlich gut ausgebildeter Facharbeiter gefährdet war. Denn die im Handwerk ausgebildeten Schlosser, Schmiede, Tischler und Mechaniker konnten in der Industrie selbst ausgebildete Facharbeiter nicht länger ersetzen, da sie den Anforderungen nicht genügten.

 

Die „Wünsche der schaffenden Praxis" und das Bestreben, den „Künstlerschlendrian" abzustellen kennzeichnen die industriellen Qualifizierungsbedürfnisse, deren Befriedigung sich der DATSCH zur Aufgabe gemacht hatte. Zu diesem Zweck bildete er Haupt-, Arbeits- und Unterausschüsse zu einzelnen Fragen, organisierte Tagungen, auf denen die jeweiligen Be­richte verhandelt wurden, um daraus Beschlüsse, Leitsätze oder Stellungnahmen ableiten und veröffentlichen zu können.

 

Es fällt auf, dass im Konzert der Beteiligten die Gewerkschaften so gut wie keine Rolle gespielt haben. Was waren die Gründe, warum die Gewerkschaften beim DATSCH ausgegrenzt wurden?

 

Die Führungsriege des DATSCH bestand aus unternehmerischen Multifunktionären wie Anton von Rieppel (MAN) und Ernst von Borsig (AEG), die eine lupenreine unternehmerische Interessenpolitik verfolgten und deren unerbittliche Abwehrhaltung gegenüber gewerkschaftlichen Mitgestaltungsabsichten in Berufserziehungsfragen aktenkundig ist.

 

Ging es vielleicht dem DATSCH im Kern darum, die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften zu unterlaufen, um für die Industrie und ihre Ziele angepasste/willfährige hochqualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren? Und wie ausgeprägt war überhaupt das Interesse an einer qualitativ hochwertigen Ausbildung von Facharbeitern?

 

Industrielle Qualifizierungsbedürfnisse standen im Zentrum der Arbeit des DATSCH - und diese Qualifizierungsbedürfnisse waren hierarchisch differenziert. So hat der DATSCH in den ersten Jahren seiner Tätigkeit Arbeiten zum Technischen Hochschulwesen, zum technischen Mittelschulwesen und zum technischen niederen Schulwesen vorgelegt, die für die Ausbildung der Ingenieure, Techniker und Facharbeiter richtungweisend werden sollten. Wiewohl die Facharbeiterqualifizierung in der Arbeit des DATSCH breiten Raum einnahm, hat er unterhalb der Facharbeiterebene noch Vorschläge für die Gestaltung zweier Qualifikationsstufen gemacht, die den Betrieben billige Arbeitskräfte sichern sollten: Angelernte und Ungelernte.

 

Die Gewerkschaften haben demgegenüber bereits auf dem Nürnberger Gewerkschaftskongress 1919 gefordert, dass jeder mit der Absicht auf Dauertätigkeit in einen Beruf, einen Berufszweig oder in einen Betrieb eintretende jugendliche Arbeiter männlichen und weiblichen Geschlechts grundsätzlich und praktisch als Lehrling zu behandeln und planmäßig in einer geordneten Lehrzeit auszubilden sei. 

 

Die gewerkschaftliche Forderung nach einer Berufsausbildung für alle Jugendlichen ging dem DATSCH entschieden zu weit - der DATSCH hat zwar das Verdienst, die soziale Figur des Facharbeiters entwickelt zu haben, er hat darüber hinaus aber auch für den Niedriglohnsektor gesorgt, indem er schmalere Qualifikationsangebote für Angelernte und Ungelernte entwickelte.

 

Dass die praktische Ausbildung der Lehrlinge in den Betrieben und Lehrwerkstätten durch theoretische Fachbildung in Berufsschulen zu ergänzen und zu vertiefen sei, hat der DATSCH ebenfalls befürwortet, wobei vor allem Betriebsberufsschulen favorisiert wurden.

 

Dass die Facharbeiterausbildung auch eine identitätsstiftende Erziehungs­aufgabe sei, dass fachliche Ausbildung mit „Charaktererziehung" Hand in Hand zu gehen habe, dass zum richtigen Feilen am Schraubstock nicht nur eine geschickte Hand, son­dern auch die anständige Gesinnung, ein ganzer Kerl, gehört, und dass dieser disziplinierte Facharbeiter sich bereitwillig in die Betriebsgemeinschaft einzuordnen habe‚ war trotz der vom DATSCH zur Schau ge­stellten technisch-rationalen Grundhaltung nie strittig.

 

Könnten Sie kurz etwas sagen zum Konzept und Begriff der Betriebsführung/Betriebsführerschaft in der Zeit der Weimarer Republik bzw. des Nationalsozialismus?

 

Die Diskussion um die Betriebsverfassung - zugespitzt: Soll gewerkschaftliche Mitbestimmung praktiziert werden oder das „Herr-im-Hause"-Führerprinzip? - gehörte in der Weimarer Republik zu den zentralen gesellschaftlichen Gestaltungsfragen, die vehement und kontrovers diskutiert wurden.

 

Die Mitwirkung von Betriebsräten beispielsweise war seit Beginn der Weimarer Republik, nachdem die Gewerkschaften von den Unternehmern als  berufene Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt worden waren, in vielen Betrieben  gängige Praxis. Diese Form der Arbeitnehmermitwirkung war aber vielen Unternehmern ein Dorn im Auge und so ist es nicht verwunderlich, dass dagegen beständig polemisiert und angearbeitet wurde. Zu den erfolgreichsten Einrichtungen im Kampf gegen die Gewerkschaften gehört das 1925 gegründete Deutsche Institut für Technische Arbeitsschulung (DINTA) in Düsseldorf, das ausgehend von den politischen Interessen der deutschen Schwerindustrie mit dem Vorsitzenden des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, dem späteren Hitler-Förderer Albert Vögler an der Spitze, allmählich auch andere Industrien eroberte und seinen Einflussbereich über das gesamte Reichsgebiet und bis nach Österreich auszudehnen verstand.

 

Der DINTA-Gründung waren wiederholte Beschwerden von Industriellen über die angeblich feindselige Haltung der Arbeiterschaft vorausgegangen, die  es erforderlich mache, neue Wege zur Herstellung des Arbeitsfriedens zu beschreiten. Die neuen praktischen Wege zur Lösung der sozialen Frage wurden vor allem darin gesehen, den „Kampf um die Seele unseres Arbeiters" - gegen die Gewerkschaften - zu führen, ihn mit  Werkszeitungen, Werkswohnungen, Werkskindergärten, Freizeiteineinrichtungen sowie Alters- und Invalidenwerkstätten und vielfältigen sozialen Angeboten, die der Pflege des Werksgemeinschaftsgedankens dienen, an den Betrieb zu binden.

 

In den DINTA-Texten werden die Schlagworte „Entgiftung der Betriebsatmosphäre" und „Entsorgung der Werksangehörigen" immer wieder bemüht, um das gewerkschaftsfeindliche  DINTA-Arsenal zu legitimieren und für Betriebsführertum und Werksgemeinschaft zu werben. Über die Ausbildung von DINTA-Ingenieuren, die als Multiplikatoren und Propagandisten in den Betrieben für die DINTA-Vorstellungen warben, erreichte das DINTA rasch erhebliche öffentliche Wirkung.  Von diesen Erfolgen in der betrieblichen Praxis bestätigt, radikalisierte sich das DINTA in der Endphase der Weimarer Republik politisch, benannte sich 1933 um in „Deutsches Institut für Nationalsozialistische Technische Arbeitsforschung und -schulung", wurde nach der NS-Machtergreifung als „Amt für Berufserziehung und Betriebsführung" in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert und wuchs sich hier zum rührigsten Trommler für nationalsozialistische Ideen aus.

 

Mit dem 1934 erlassenen „Gesetz zur Ordnung der  nationalen Arbeit" wurde die vom DINTA und von vielen Unternehmern seit langem favorisierte Rolle des uneingeschränkt herrschenden „Betriebsführers" festgeschrieben, der Betriebsrat entmachtet und in einen „Vertrauensrat" umbenannt: In der nunmehr staatlicherseits verordneten „Betriebsgemeinschaft" sollten „Betriebsführer" und „Gefolgschaft" vertrauensvoll zusammenarbeiten - die Gewerkschaften waren bereits im Mai 1933 zerschlagen worden, ihr Vermögen hatte sich die Deutsche Arbeitsfront einverleibt und der Gedanke der gewerkschaftlichen Mitbestimmung war für längere Zeit außer Kraft gesetzt worden.

 

Viele kennen und sind teilweise geprägt von dem Ziel ‚Eisen erzieht' - was steckt an Ideologie und beruflichen Überlegungen hinter diesem ‚disziplinarischen' Wahlspruch?

 

"Eisen erzieht" war der in der Nazi-Zeit gebräuchliche, berühmt-berüchtigte Name für einen Grundlehrgang  für die Metallbearbeitung. Dieser aus 28 Übungsaufgaben bestehende Lehrgang ist auch über die NS-Zeit hinaus verwendet worden - und das nicht nur in Deutschland.

 

Die im Schwierigkeitsgrad steigenden Übungsaufgaben sind vergleichbar mit  denen aller anderen Metall-Lehrgänge - auch mit dem 1919 vom DATSCH entwickelten Lehrgang für Maschinenschlosser, der die größte Verbreitung erzielte und bis 1940 eine vierte und fünfte Auflage erfahren sollte.

 

Das Besondere an „Eisen erzieht" ist seine ideologische Aufladung, die von den Nazi-Berufspädagogen unablässig propagiert worden ist. Nimmt man das mit Hakenkreuz verzierte Titelblatt und das martialisch gehaltene Vorwort weg, dann bleibt eine Sammlung von Übungsaufgaben, die beispielsweise noch in den 1950er Jahren sogar in Israel zur Metall-Grundausbildung verwendet wurde. Inhaltlich geht es dabei um bei Lehrlingen wenig beliebte Feilübungen, deren Durchführung schon mal zu Blasen an den Händen und zu anhaltenden Arm- und Rückenschmerzen führen kann - wenn diese Feilübungen länger als zum Qualifikationserwerb erforderlich  trainiert und mit militärischem Drill kombiniert werden, dann haben wir exakt die disziplinierende Intention von „Eisen erzieht" benannt.

 

Könnten Sie bitte etwas zu den Diskussionsgegenständen und -perspektiven in der Zentralarbeitsgemeinschaft und im Arbeitsausschuss für Berufsausbildung sagen, wo ja Kapital und Arbeit gleichberechtigt zusammenwirken sollten. Waren die Diskussionen mit den Gewerkschaften dort eher taktisch angelegt und was wurde damit ggf. bezweckt oder auch erreicht?

 

In der Anfangsphase der Weimarer Republik hat es den bemerkenswerten Versuch eines gleichberechtigten Zusammenwirkens von Kapital- und Arbeitervertretern in der „Zentralarbeitsgemeinschaft" gegeben, die aber schon Anfang 1924 endgültig beendet wurde. Diese „Zentralarbeitsgemeinschaft", in den Geschichtsbüchern als „Stinnes-Legien-Abkommen" nachlesbar, war die politische Voraussetzung dafür, dass die wirtschaftlichen Grundstrukturen auch nach der Abdankung des Deutschen Kaisers am 9. November 1918 unangetastet blieben und jeder staatliche Eingriff in die private Organisation der Wirtschaft unterbunden wurde - umgekehrt waren damit die Gewerkschaften von den Unternehmern als berufene Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt worden.

 

Von den Unternehmern - insbesondere von Ernst von Borsig und Hugo Stinnes - war die „Zentralarbeitsgemeinschaft" aus strategischen Erwägungen betrieben worden, nachdem noch während des Krieges wiederum Ernst von Borsig mehrere Vorschläge der Gewerkschaften - zuletzt noch im Frühjahr 1918 einen Antrag des Metallarbeiter-Verbandes - zur Bildung von Arbeitsgemeinschaften zurückgewiesen hatte.

 

Zu den wichtigsten Verhandlungspunkten gehörten auch Gestaltungsfragen der Berufsbildung - so beispielsweise die gesetzliche Regelung der Berufsbildung.

 

Der Kampf der Gewerkschaften für eine tarifvertragliche Regelung des Lehrlingswesens blieb in der „Zentralarbeitsgemeinschaft" erfolglos. Nutzten die Unternehmer die „Zentralarbeitsgemeinschaft" gleichsam als strategische Spielwiese zur Reformabwehr, so hat den Gewerkschaften ihre Mitarbeit keine Vorteile gebracht.

 

Hatte Ernst von Borsig schon in der „Zentralarbeitsgemeinschaft" gleichsam die Schlüsselrolle inne, so war es nur konsequent, dass er auch 1925 in dem von den industriellen Spitzenverbänden und dem DATSCH gegründeten „Arbeitsausschuss für Berufsausbildung" (AfB) den Vorsitz übernahm und behielt, bis dieser sich 1930 auflöste. Mit der Gründung des AfB entstand ein gegen den gewerkschaftlichen Einfluss auf die Berufsbildungspolitik gerichtetes Zweckbündnis, dem sich (ab 1927) auch die Spitzenverbände des Handwerks anschlossen.

 

Es war ja wohl so, dass der DATSCH sich einerseits bewusst vom Handwerk und dem dortigen Geschehen in der Berufsausbildung abgegrenzt hat, andererseits aber dennoch das Handwerk in seine Strukturen mit einbezogen  hat. Wie ist das bitte zu verstehen?

 

Wie oben schon erwähnt, erfolgte die DATSCH-Gründung in einer Zeit, in der das Handwerk die Lehrlingsausbildung in Deutschland rechtlich dominierte. Insofern erwuchs dem Handwerk mit dem DATSCH ein lästiger Konkurrent, der dank seiner Rührigkeit, seiner zahlreichen Stellungnahmen, Erklärungen und Empfehlungen innerhalb kurzer Zeit Meinungsführerschaft erringen konnte.

 

Das Handwerk hat nach dem Verlust seiner Monopolstellung im Lehrlingswesen allmählich von seinen geradezu aggressiv vertretenen Abgrenzungs- und berufspädagogischen Führungsansprüchen abgelassen und schrittweise die Kooperation mit dem DATSCH gesucht und der DATSCH seinerseits hat diese Kooperationsbereitschaft bereitwillig unterstützt.

 

Mit dem 1927 erfolgten Beitritt des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertags und des Reichsverbands des Deutschen Handwerks zum AfB findet gleichsam eine „Umfraktionierung" der berufsbildungspolitischen Lager statt: An die Stelle der mit den Gewerkschaften geteilten Affinität zur Standardisierung und Verrechtlichung (zu der das Handwerk in Opposition stand) trat die mit dem Handwerk geteilte Bekämpfung gewerkschaftlicher Beteiligungsansprüche. Insofern entstand mit dem AfB erstmals eine handwerklich-industrielle Kooperationsform, ein „Schulterschluß" zwischen Industrie und Handwerk, der bildungspolitisch eine Phalanx gegenüber den Reformern bildet. Die alten Konflikte um die Bewertung der Industrielehre wurden beiseite geschoben und fortan sprachen Handwerk und Industrie berufsbildungspolitisch mit einer Stimme.

 

Wie lange hat das ‚System' DATSCH im Nachkriegsdeutschland nachgewirkt - hüben in der Bundesrepublik Deutschland, wie drüben in der Deutschen Demokratischen  Republik und was waren die wohl markantesten Folgen für die Berufsbildung in beiden Deutschen Staaten?

 

Die Wirksamkeit des DATSCH reicht in institutioneller Hinsicht (Förderung von Lehrwerkstätten und Betriebsberufsschulen), in methodischer Hinsicht (Entwicklung psychotechnischer Auswahlverfahren, standardisierter Lehrgänge und Lehrmittel) und in berufssystematischer Hinsicht (Entwicklung der betrieblichen „Ordnungsmittel" Berufsbild, Ausbildungsplan und Prüfungsanforderungen) weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus: Sowohl das „Zentralinstitut für Berufsbildung der Deutschen Demokratischen Republik" als auch das „Bundesinstitut für Berufsbildung" knüpften in ihrer Berufsforschungs- und Berufsordnungsarbeit und bei der Entwicklung von Lehrgängen und didaktischen Materialien an die Arbeiten des DATSCH an.

 

Die Entwicklung des ostzonalen „Instituts für Berufsausbildung e.V." bis zum „Zentralinstitut für Berufsbildung der Deutschen Demokratischen Republik" (ZIB) kann hier ebenso wenig nachgezeichnet werden, wie der Entwicklungsgang, der vom DATSCH über die „Arbeitsstellen" schließlich 1970 zum „Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung" (BBF) und dann endlich zum „Bundesinstitut für Berufsbildung" (BIBB) führte; dazu verweise ich auf die Arbeit von Volkmar Herkner, die einen ersten gründlichen Abriss dieser Institutionengeschichte liefert und auch die Ordnungsarbeiten und ihre jeweiligen „Anknüpfungen" an die DATSCH-Vorarbeiten untersucht.

 

Zum Abschluss   

 

Im institutionellen und Ordnungsgefüge der deutschen Berufsbildung hat DATSCH offenbar deutliche Spuren hinterlassen. Welche Institutionen seit dem Entstehen von DATSCH sehen sie in welchen Punkten von ihm besonders geprägt und wo wirken insbes. die Überlegungen von DATSCH noch heute fort? - wobei es eine ‚reine Nachfolgeorganisation' ja so nicht gibt, hundert Jahre Jubiläum DATSCH hin oder her! Wenn man die personelle Besetzung der westzonalen Nachfolge-Einrichtungen des DATSCH näher in den Blick nimmt, zeigen sich interessante Kontinuitäten. Es sind Berufsbildungsexperten, die sich bereits in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft einen Namen gemacht hatten und die mit dem DATSCH kooperierten, die die Leitung der „Arbeitsstellen" übernahmen: Adolf Kieslinger, der Leiter der Münchener Arbeitsstelle, Johannes Riedel, der Leiter der Dortmunder Arbeitsstelle und Erwin Krause, der Leiter der Bonner Arbeitsstelle.

 

Kieslinger, Riedel und Krause publizieren im Jahre 1938 in der DATSCH-Zeitschrift „Technische Erziehung" und machen ein Jahrzehnt danach - nachdem ihr beharrlicher Einsatz für den Endsieg der deutschen Wehrmacht unter der Übermacht der Alliierten Siegermächte zusammengebrochen war - als „Männer der ersten Stunde" in der Wiederaufbauphase der Bundesrepublik Deutschland die Berufsordnungsarbeit an herausragender Stelle zu ihrer Sache.

 

Ihre kontinuierlichen Nachkriegskarrieren und auch ihre Publikationen, die sie in der Nachkriegszeit vorgelegt haben, sprechen sehr viel überzeugender für restauratives Denken als für innovative oder gar emanzipatorische Ideen. Insofern haben sie eher im Sinne des DATSCH, mit dem sie aufwuchsen und durch dessen „Schule" sie gleichsam gegangen waren, weiter gewirkt.

 

Ein neuer Anfang - unter Mitbeteiligung der Gewerkschaften - wird gleichsam 1970 gemacht mit der Gründung des „Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung", auf das dann alsbald das uns heute vertraute „Bundesinstitut für Berufsbildung" folgt.

 

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Literaturhinweise


HERKNER, V.: Deutscher Ausschuss für Technisches Schulwesen. Untersuchungen unter besonderer Berücksichtigung metalltechnischer Berufe. Hamburg 2003.

 

KIPP, M.: Der Deutsche Ausschuss für Technisches Schulwesen (DATSCH): Entstehung - Positionen - Wirkungen, in: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)(Hrsg.):100 Jahre Ordnung in der Berufsbildung vom Deutschen Ausschuss für Technisches Schulwesen - DATSCH zum Bundesinstitut für Berufsbildung - BIBB, Bonn 2008 (W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG), S. 15 - 50.

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Zur Person: Prof. Dr. Martin Kipp Martin Kipp, Jg. 1945, absolvierte zunächst eine Lehre als Maschinenbauer. Dabei wurde er 1965 Landessieger der Handwerksjugend. Von 1967 bis 1971 absolvierte Herr Kipp ein Magisterstudium für das Lehramt an beruflichen Schulen an der TH Darmstadt (Fächer: Pädagogik, Soziologie und Psychologie).

 

Von 1975 bis 1978 war er wiss. Mitarbeiter für Berufs- und Betriebspädagogik an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg. 1977 promovierte Herr Kipp an der TH Darmstadt mit der Dissertation: „Arbeitspädagogik in Deutschland. Johann Riedel. Ein Beitrag zur Geschichte und Theorie der beruflichen Ausbildung. Mit einer Riedel-Bibliographie". Von 1978 bis 1984 war Herr Kipp Akademischer Rat im Lehrgebiet für Sozialpädagogik am Institut für Berufspädagogik an der Universität Hannover. 1983 habilitierte er an der Universität Hannover und erhielt die venia legendi für das Fachgebiet Berufspädagogik.

 

Von 1984 bis zur seiner Berufung nach Hamburg war Martin Kipp als Professor für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt berufliche Rehabilitation an der Universität - Gesamthochschule Kassel tätig. Die Forschungsschwerpunkte von Herrn Kipp sind die historische Berufsbildungsforschung die Theorie der Berufs- und Wirtschaftspädagogik unter dem Aspekt einer qualitativen Berufsbildungsforschung, die Geschichte der Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie historischer Berufsbildungsforschung ; insbesondere Berufserziehung und Berufspädagogik im Nationalsozialismus sowie die Berufsbildung von Benachteiligten und berufliche Rehabilitation.

 

Prof. Martin Kipp ist Mitunterzeichner und Unterstützer des ‚Frankfurter Manifestes', das das ‚Forum Kritische Pädagogik' (http://www.forum-kritische-paedagogik.de/) mit der Internet-Zeitschrift ‚Pädagogisches Journal' (paedagogisches-journal.de)  organisiert.

 

Sein selbstgewähltes Motto lautet: "Wer mit dem Strom schwimmt erreicht die Quelle nie"! - und ist deshalb insbesondere mit seinen kritischen Analysen und pointierten Vorträgen zur (Berufs-)Pädagogik des Nazireiches schön öfter angeeckt.



Verfasst von Klaus Heimmann,
 wap Newsletter 21.01.2009



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